Berlin 19. Juni 2017

Seyran Ateş eröffnet Moschee – Ercan Karakoyun erhält deswegen Morddrohungen

Berlin. Ein „Skandal“ und „einer der größten Verrate in der Geschichte der Türkei“, wetterte AHaber TV zur besten Sendezeit am Freitagabend. Anlass der Empörung ist die Gründung der „Ibn Rushd-Goethe-Moschee“ in Berlin.

Auch deutsche Medien hatten dieses Ereignis mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, als Seyran Ates ihre liberale Moschee in Berlin-Moabit eröffnete. Die in der muslimischen Gesellschaft umstrittene Diskussionen dazu nahmen türkische Medien zum Anlass, um eine Hetzkampagne zu starten und das Projekt Hizmet (sog. Gülen-Bewegung) anzulasten. Dadurch hat sich die Bedrohungslage erneut verschärft.

„Hizmet hat nichts mit dem Projekt zu tun“

Ercan Karakoyun, Vorsitzender der Stiftung Dialog und Bildung (Ansprechpartner für die Werte Hizmets in Deutschland), stellt eindeutig klar:

„Hizmet hat nichts dem Projekt von Seyran Ateş zu tun. Weder die Stiftung noch irgendeine Hizmet-Einrichtung sind daran beteiligt – auch ich persönlich in keinster Weise. Diese Moschee entspricht nicht unserer Vorstellung des Islams. In einer pluralistischen Gesellschaft tolerieren wir selbstverständlich auch so ein Vorhaben.“

Für AHaber TV aber ist Ateş‘ Projekt ein deutlicher Beweis, dass in Deutschland „türkeifeindliche Terroristen und Ketzer frei agieren können“, „Berlin zeigt hier sein hässliches Fetö-Gesicht“, stellt der Vier-Minuten-Beitrag schon nach Sekunden den für türkische Ohren dramatischen Zusammenhang her („Fetö“ ist ein von der türkischen Regierung erfundenes diffamierendes Kürzel für die türkischstämmige Bildungs- und Dialogbewegung Hizmet). Als Beweis dient eine Handyaufnahme von Seyran Ateş und dem Freiburger Islamwissen-schaftler Abdel-Hakim Ourghi, welcher fälschlicherweise als Ercan Karakoyun benannt wird.

Aufruf zur Selbstjustiz – Auftakt einer gezielten Hetzjagd

Erdogan forderte bereits Tage zuvor alle Türken auf, Hizmet Menschen die richtige Strafe selbst zu geben. Ein fataler Aufruf zu Gewalt und Selbstjustiz. Offensichtlich ist der AHaber TV-Beitrag Auftakt einer gezielten Hetzjagd gegen die Bildungsbewegung Hizmet und Ercan Karakoyun. Am Wochenende folgten zahlreiche türkische Zeitungen dem Vorbild und stellten eine Verbindung zwischen Hizmet und der Moschee von Seyran Ateş her. Eine Verbindung, die frei erfunden ist. Die türkischen Boulevardblätter Sabah und Star beschuldigen allesamt gleichlautend Ercan Karakoyun, als „Pressesprecher die staatlichen Imame des DIYANET/DITIB zu diffamieren und zugleich ein ketzerisches Projekt zu unterstützen“. Diese Medien werden auch von der türkischsprachigen Bevölkerung in Deutschland gelesen. Doch die Hetze gibt es zeitgleich auf Deutsch: Der deutsche Journalist Martin Lejeune, inzwischen zum Islam konvertiert und bekennender Erdogan-Anhänger, wettert öffentlich gegen die Ateş-Moschee, eine „Entislamisierung des Islam“ und fordert DITIB auf, endlich etwas gegen „Fetö“ zu unternehmen: „Das muss gestoppt werden! Man muss etwas dagegen tun!“

Morddrohung im Live-TV

Richtig Klartext redete letzte Woche der bekannte Journalist Cem Kücük, mit einer Viertelmillion Followern auf Twitter und Facebook durchaus ein Gewicht in der türkischsprachigen Community. In einem lockeren Fernsehinterview verwies er darauf, dass der türkische Geheimdienst MIT die Befugnis habe, im Ausland „Operationen“, also auch Entführungen und Morde, durchzuführen. Es gebe im Ausland viele Menschen, die bereit seien, sich zu opfern: „Wir wissen, wo die Mitglieder leben.“

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