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Fethullah Gülen: Türkei, das Land das ich nicht wiedererkenne

16.05.2017 | The Washington Post | Demokratie | Fethullah Gülen

 

SAYLORSBURG, Pennsylvania (US) —Heute treffen sich im Weißen Haus der Präsident der USA, dem Land, welches ich seit 20 Jahren mein Zuhause nenne, und der Präsident meiner Heimat, der Türkei.

Für diese beiden Länder steht viel auf dem Spiel – darunter den Kampf gegen den IS, die Zukunft Syriens und die Flüchtlingskrise.

Jedoch ist die Türkei, die einst als hoffnungsvolles Land auf dem Weg zur Konsolidierung ihrer Demokratie und einer gemäßigten Form des Säkularismus galt, nicht mehr wieder zu erkennen. Sie leidet unter der Herrschaft eines Präsidenten, der alles dafür tut, um die ganze Macht an sich zu reißen und alle Oppositionelle zu unterwerfen.

Der Westen muss der Türkei helfen, auf einen demokratischen Weg zurückzukehren. Das heutige Treffen und der NATO-Gipfel in der nächsten Woche sollten deshalb dazu genutzt werden, diese Bestrebung voranzutreiben.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan begann nach dem abscheulichen Putschversuch am 15. Juli letzten Jahres eine systematische Hexenjagd nach unschuldigen Menschen. Das Leben von mehr als 300.000 Menschen, darunter Kurden, Aleviten, Säkularisten, Linke, Journalisten, Akademiker und Engagierte der friedlichen humanitären Hizmet-Bewegung, mit der ich verbunden bin, wurde durch Verhaftungen, Entlassungen und diverse Methoden ruiniert.

Während und auch nach dem Putschversuch habe ich diesen auf das Schärfste verurteilt und jeglichen Putschvorwurf entschieden zurückgewiesen. Außerdem betonte ich, dass jeder, der am Putsch beteiligt gewesen ist, Verrat an meinen Idealen geübt hat. Dennoch beschuldigte Erdoğan mich den Putsch aus 5.000 Meilen Entfernung orchestriert zu haben – ohne jeglichen Beweis.

Am Tag nach dem gescheiterten Putschversuch veröffentlichte die türkische Regierung eine Liste mit Namen von Tausenden Menschen, die mit der Hizmet-Bewegung in Verbindung gebracht wurden, da sie ein Konto bei einer bestimmten Bank hatten, Lehrer auf einer bestimmten Schule waren oder journalistische Tätigkeiten für eine bestimmte Mediengruppe ausübten. Als ob diese Umstände Straftaten wären, wurden diese Menschen wie Schwerverbrecher behandelt und ihr Leben ruiniert. Auf diesen Listen waren sogar Namen von Menschen aufgeführt, die bereits verstorben waren, oder auf dem NATO-Stützpunkt in Europa stationierte Soldaten waren. Viele internationale Beobachter haben von mehreren Entführungen, Folter und Todesfällen in Polizeigewahrsam berichtet. Die Regierung Erdoğans verfolgt und spioniert sogar unschuldige Menschen außerhalb der Türkei aus. So hat die türkische Regierung Druck auf die Regierung in Malaysia ausgeübt, damit diese drei Hizmet-Engagierte, darunter ein Schulleiter, der seit 15 Jahren in Malaysia lebt, festnehmen lässt und an die Türkei ausliefert – unter Gewissheit, dass diesen Gefängnis und auch Folter drohen.

Im April hat der türkische Präsident Erdoğan das Referendum – unter schwerwiegenden Betrugsvorwürfen – knapp für sich entschieden und somit ein Präsidialsystem errichtet, in welchem er alle drei Staatsgewalten kontrollieren kann. Bereits vorher hatte er durch „Säuberungen“ aus dem Staatsdienst und Korruption diese Gewalten größtenteils unter seine Kontrolle gebracht. In dieser neuen Phase des Autoritarismus bange ich um die türkische Bevölkerung.

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Dabei begann alles ganz anders. Die AKP kam 2002 mit dem Versprechen demokratischer Reformen – das Ziel war die EU-Mitgliedschaft – an die Macht. Aber im Laufe der Zeit wurde Erdogan zunehmend intolerant gegenüber oppositionellen Stimmen. Mithilfe von staatlichen Regulierungsbehörden hat er dafür gesorgt, dass seine Anhängerschaft immer mehr Medienunternehmen übernommen haben. 2013 hat er die Gezi Park-Demonstrationen gewaltsam niedergeschlagen. Als im Dezember desselben Jahres bekannt wurde, dass Mitglieder seines Kabinetts in einen Korruptionsskandal verwickelt waren, reagierte er darauf mit der Unterjochung der Justiz und Presse. Der nach dem 15. Juli ausgerufene Ausnahmezustand dauert immer noch an. Laut Amnesty International sitzen ein Drittel aller inhaftierten Journalisten auf der Welt in türkischen Gefängnissen.

Erdogans Verfolgung und Unterdrückung der eigenen Bevölkerung ist keine innenpolitische Angelegenheit mehr. Die anhaltende Unterdrückung der Zivilgesellschaft, von Journalisten, Akademikern und Kurden in der Türkei bedroht die langfristige Stabilität des Landes. Die Gesellschaft ist bereits durch das AKP-Regime tief gespalten und polarisiert worden. Eine Türkei die sich in ein diktatorisches Regime verwandelt, radikalen Gruppen Schutz bietet und somit die kurdische Bevölkerung zum verzweifeln bringt, wäre für die Sicherheit im Nahen Osten ein Alptraum.

Die türkische Bevölkerung braucht die Unterstützung ihrer europäischen Verbündeten und der Vereinigten Staaten, um ihre Demokratie wiederherzustellen. Die Türkei hat im Jahr 1950 das Mehrparteiensystem eingeführt, um der NATO beizutreten. Nun kann und muss die NATO von der Türkei als Voraussetzung für die Fortführung ihrer Mitgliedschaft die Treue zu demokratischen Normen und universellen Werten fordern.

Nun gibt es zwei entscheidende Maßnahmen für die Umkehrung der demokratischen Regression in der Türkei.

Zuerst sollte eine neue zivile Verfassung mit Beteiligung aller Teile der Gesellschaft in einem demokratischen Prozess entworfen werden, die internationale Rechtsnormen und Wertesysteme berücksichtigt und Lehren aus etablierten, westlichen Demokratien zieht.

Zweitens muss ein Schulcurriculum entwickelt werden, das demokratische und pluralistische Werte hervorhebt und kritisches Denken fördert. Jede/r Schüler/in muss lernen, wie wichtig die Ausgewogenheit der Staatsmacht durch individuelle Rechte, die Gewaltenteilung, die Unabhängigkeit der Justiz und der Pressefreiheit ist und über die Gefahren des extremen Nationalismus, der Politisierung von Religion und der Verehrung des Staates oder eines Führers, aufgeklärt werden.

Vorher muss aber die türkische Regierung die Unterdrückung ihrer eigenen Bevölkerung und die Menschenrechtsverletzungen stoppen und die Opfer dieser Vergehen entschädigen.

Ich werde wahrscheinlich nicht erleben, wie die Türkei den Status einer vorbildlichen Demokratie erreicht, aber mein aufdringlicher Wunsch ist, dass sie sich vom Autoritarismus abwendet, bevor es zu spät sein wird.

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„Ich verurteile jegliche Angriffe auf die Demokratie in der Türkei“

25.07.2016 | The New York Times | DemokratieFethullah Gülen

SAYLORSBURG, Pennsylvania (US) — Als diesen Monat in der Türkei der Versuch eines Militärputsches im Gange war, habe ich diesen aufs Schärfste verurteilt. Ich sagte: „Eine Regierungsübernahme sollte durch freie und faire Wahlen, nicht durch Gewalt erfolgen,‟ und äußerte weiter, dass ich zu Gott beten werde, für die Türkei, für die türkische Bevölkerung und für alle, die sich derzeit in der Türkei aufhalten, damit diese Situation schnell und friedlich gelöst werde.
Trotz meines unmissverständlichen Protests, der den Äußerungen aller drei großen Oppositionsparteien ähnelte, wurde ich von Recep Tayyip Erdogan sofort beschuldigt, der Drahtzieher hinter diesem Putsch zu sein. Der immer authoritärer agierende türkische Staatspräsident verlangte von den USA meine Auslieferung. Seit 1999 lebe ich in meinem Zuhause in Pennsylvania in freiwillig gewähltem Exil.
Die Äußerungen des Präsidenten Erdogan sind nicht nur konträr zu allem, was ich glaube, sie sind auch verantwortungslos und falsch.
Meine Philosophie folgt einem inklusiven und pluralistischen Islam, der sich dem Dienst an den Menschen egal welcher Glaubensrichtung verschrieben hat. Somit steht sie in klarem Gegensatz zu bewaffnetem Aufstand. Mehr als 40 Jahre lang treten die Anhänger der Bewegung, mit der ich verbunden werde — bekannt unter dem Namen Hizmet, dem türkischen Wort für “Dienst” — dafür ein, dass eine Regierungsform ihre Legitimität durch den Willen der Bevölkerung erhält und die Rechte aller Bürger ungeachtet ihrer religiösen Gesinnung, politischen Zugehörigkeit oder ihrer ethnischen Wurzeln schützt. Zahlreiche Unternehmer und Ehrenamtliche ließen sich von den Werten Hizmets inspirierenund haben sich für moderne Bildung und soziale Projekte in über 150 Ländern eingesetzt.

In einer Zeit, in der westliche Demokratien nach moderaten Stimmen aus dem Kreis der Muslime suchen, vertreten ich und meine Freunde in der Hizmet-Bewegung eine klare Position im Hinblick auf extremistische Gewalt, angefangen von den Anschlägen des 11. Septembers, über Al Qaeda, bis hin zu brutalen Hinrichtungen des IS oder den Geiselnahmen durch Boko Haram.
Zusätzlich zur Verurteilung sinnloser Gewalt, wie während des Putschversuches, haben wir immer unseren Einsatz betont, präventiv gegen die Rekrutierung von Terroristen unter muslimischen Jugendlichen zu wirken und dafür, eine friedfertige und pluralistische Geisteshaltung zu fördern.
Mein ganzes Leben lang, habe ich öffentlich und im Privaten Eingriffe des Militärs in die Innenpolitik angeprangert und mich über Jahrzehnte hinweg für Demokratie eingesetzt. In der Türkei habe ich selbst binnen 40 Jahren vier Mal einen Militärputsch miterleben müssen; von genau diesen Militärregimen wurde ich selbst schikaniert und zu Unrecht inhaftiert. Aus diesem Grund würde ich niemals wollen, dass meine Landsleute eine solche Qual erleiden müssen. Sollte irgendjemand, der ein Hizmet-Sympathisant zu sein scheint, in diesen Putschversuch verwickelt gewesen sein, begeht er Verrat an meinen Idealen.
Dennoch kommen die Anschuldigungen von Herrn Erdogan nicht überraschend; nicht bezogen darauf, was über mich gesagt wird, sondern darauf, dass sie zeigen, wie systematisch und gefährlich er auf dem Weg zur Alleinherrschaft nach vorne prescht.

So wie viele Bürger der Türkei befürworteten auch die Anhänger der Hizmet-Bewegung die anfänglichen Bemühungen Erdogans, die Türkei zu demokratisieren und die Aufnahmekriterien für die Europäische Union zu erfüllen. Allerdings haben wir nicht geschwiegen, als er sich von der Demokratie zum Despotismus wandte. Bereits vor der aktuellen Säuberungswelle agierte Präsident Erdogan in den letzten Jahren willkürlich, indem er Zeitungsredaktionen schloss, tausende von Richtern, Staatsanwälten, Polizisten und Beamten ihres Amtes enthob und äußerst drastische Maßnahmen gegen die kurdische Bevölkerung ergriff. Kritiker werden von ihm zu Staatsfeinden erklärt.

Demokratie, Türkei, Gülen, Putschversuch
Hier zum Artikel auf HizmetNews.de
Hier zum Artikel auf NYTimes.com

Der Zorn des Präsidenten war dabei besonders auf die Hizmet-Bewegung gerichtet. 2013 beschuldigte Präsident Erdogan die Hizmet-Anhänger innerhalb der türkischen Verwaltung Korruptionsermittlungen aufgenommen zu haben, die sich gegen Mitglieder des Kabinetts und enge Verbündete richteten. Als Reaktion darauf wurden zahlreiche Richter, Staatsanwälte und Polizisten entlassen oder eingesperrt, allein weil sie ihrer Arbeit nachgegangen waren.
Seit Erdogan 2014 zum Staatspräsidenten gewählt wurde, nachdem er elf Jahre lang Premierminister war, verfolgt er das Ziel die Türkei von einer parlamentarischen Demokratie in ein „Präsidialregime‟ umzuwandeln, im Grunde ohne Kontrolle seiner Macht. In diesem Zusammenhang ist die Aussage Erdogans, der gescheiterte Putschversuch sei „ein Geschenk Gottes‟ besorgniserregend. Auf diesem Wege werden immer mehr Dissidenten von Regierungsbehörden verfolgt — knapp 70.000 wurden bereits entlassen — und, um noch härter gegen Hizmet und andere zivile Organisationen vorzugehen, räumt er viele, der verbliebenen Hindernisse für die Erlangung der absoluten Macht aus dem Weg. Amnesty International hat „glaubhafte‟ Berichte über Folter ans Licht gebracht, darunter Vergewaltigungen in Gefangenenlagern. Es verwundert also nicht, dass Erdogans Regierung die Europäische Menschenrechtskonvention außer Kraft gesetzt und den Notstand ausgerufen hat.
Der türkische Staatspräsident erpresst die Vereinigten Staaten, indem er droht, die Unterstützung des internationalen Bündnisses gegen den IS zu drosseln. Sein Ziel dabei ist, meine Auslieferung zu erreichen, trotz Mangel an glaubwürdiger Beweise und praktisch keiner Aussicht auf ein faires Verfahren. Die Versuchung Herrn Erdogan all das zu geben, was er will, ist nachvollziehbar, aber die Vereinigten Staaten müssen standhaft bleiben.
Gewaltätiger Extremismus wird genährt von der Frustration derer, die gezwungen sind unter Dikatoren zu leben, die nicht durch friedvollen Proteste und demokratische Politik anfechtbar sind. Die Gesellschaft in der Türkei ist durch die Verschiebung der Regierung Erdogans hin zu einer Diktatur von einer Spaltung gekennzeichnet, welche sich durch die Reihen der Sektierer, der Politik, der Religion und der ethnischen Gruppen zieht und den Fanatismus schürt.
Im Namen der weltweiten Bemühungen für die Herstellung des Friedens in turbulenten Zeiten, und um die Zukunft der Demokratie im Nahen Osten zu sichern, dürfen die Vereinigten Staaten nicht einem Autokraten nachgeben, der einen fehlgeschlagenen Putsch nutzt und ihn in seinen eigenen in Zeitlupe ausgeführten Staatsstreich gegen die konstitutionelle Regierung verkehrt.

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„Das hat nichts mit dem Islam zu tun“ – Warum wir Muslime uns nicht so leicht herausreden können

23.03.2016 | DTJ-Online | Muslime | Fethullah Gülen

Der kapitale Fehler von Terrorgruppen ist es, dass sie sich Zitate aus dem Heiligen Koran und der Sunna herauspicken, die bereits zu ihrer vorgefertigten Meinung passen und diese aus ihrem Kontext reißen, um sie für ihre Taten zu instrumentalisieren. Diese aus ihrem geschichtlichen, literarischen, sozialen und religiösen Kontext gerissenen Zitate verwenden sie leider auch in einem diametralen Widerspruch zu der Religion, die sie zu repräsentieren behaupten.

Ein weiterer Aspekt der islamischen Tradition, die missverstanden und seitens Terroristen missbraucht wird, sind Richtlinien über das Kriegsgeschehen. Angriffskriege erlaubt der Koran nicht. Und Verteidigungskriege sind streng reglementiert. Im Verteidigungsfall, so schreibt der Koran vor, sind zunächst sämtliche Instrumente der Diplomatie auszuschöpfen, um militärische Auseinandersetzungen möglichst zu vermeiden. Ist eine kriegerische Auseinandersetzung aber nicht vermeidbar, so ist vorgeschrieben, die Verluste möglichst auf einem Minimum zu halten, Geiseln menschlich zu behandeln und Verletzte medizinisch zu versorgen.

Wir Muslime können uns jedoch nicht einfach aus der Verantwortung ziehen, indem wir zurecht darauf hinweisen, dass Terrorismus keine Legitimierung im Islam hat, Terroristen unislamisch handeln oder von irgendwelchen Mächten manipuliert und instrumentalisiert werden. Denn letztlich sind es unsere muslimischen Communities, aus denen diese Gruppen ihre Unterstützer rekrutieren und hierfür unsere heiligen Quellen missbrauchen. Das grausame Vorgehen imperialistischer Nationen gegenüber Muslime in der Vergangenheit oder die gegenwärtigen Repressalien vom Westen gestützter Autokraten gegen Muslime darf nicht dazu führen, dass wir die barbarischen Taten der Terroristen stillschweigend dulden. Der legitime Zweck, Unterdrückung zu stoppen, legitimiert nicht das Mittel des Tötens von unschuldigen Zivilisten.

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Den modernen Konzepten der Demokratie und des staatlichen Säkularismus standen Muslime distanziert gegenüber, weil sie ihnen fremd waren und ihre Umsetzung in muslimischen Ländern mit erheblichen Mängeln und Fehlern verbunden war. Die Grundpfeiler der Demokratie wie Rechtsstaatlichkeit, Gerechtigkeit, Grundrechte und Toleranz gegenüber individuellen Unterschieden stehen jedoch im Einklang mit islamischen Werten.

Es ist von elementarer Bedeutung, dass auch Muslime einen Platz in den Runden erhalten, in denen an Lösungskonzepten zum Problem des Terrorismus gearbeitet wird. In der gegenwärtigen Atmosphäre der Angst vor und des Generalverdachts gegen Muslime ist dieser Schritt gewiss eine Herausforderung, doch er ist unabdingbar für stabile und harmonische gesellschaftliche Beziehungen künftiger Generationen.

In unserer globalisierten Welt liegt es an Nicht-Muslimen eine Sache zu realisieren: Es wird nicht möglich sein, den Terrorismus von Boko Haram, IS oder Al-Qaida zu bekämpfen, ohne ein positives Verhältnis zu den einfachen Muslimen zu etablieren. Es liegt in ihrem ureigenen Interesse, dass Muslime nicht von ihren Gesellschaften entfremdet werden und dass anti-muslimische Hetzer und Fanatiker marginalisiert werden.

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,,Für Erdogan hat der Rechtsstaat aufgehört zu existieren“

06.03.2016 | Frankfurter Allgemeine Zeitung | Rechtsstaat

Für Erdogan hat der Rechtsstaat aufgehört zu existieren. Die größte Zeitung der Türkei, die regierungskritische ZAMAN, wird einem Zwangsverwalter unterstellt und mundtot gemacht. Erdogan schaltet somit das stärkste Organ der freien Presse in der Türkei gleich. Bereits am ersten Tag ist der neue Kurs sichtbar: Es prangt eine erdoganfreundliche Überschrift, samt Bild, von der Titelseite.

„Es war ein schwerer Schlag gegen die Pressefreiheit in der Türkei. Darüber sind sich alle Beobachter einig. Als am Freitagabend der Sitz der Tageszeitung „Zaman“ gestürmt wurde, Demonstranten von Hundertschaften an Polizisten mit Wasserwerfern und Tränengas vertrieben und die Herausgabe der größten türkischen Tageszeitung (Auflage 850.000) unter staatliche Aufsicht gestellt wurde. Ja, mehr noch: Es war vermutlich das Ende der Pressefreiheit in der Türkei überhaupt.“

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„Wir erleben keinen Kampf der Kulturen, sondern einen zwischen der Zivilisation und der Barbarei“

gülen zu Selbstkritik

17.12.2015 | Le Monde | Selbstkritik | Fethullah Gülen

„Es fällt mir schwer, meine Betrübtheit über die Gräueltaten des IS und ähnlicher Terrorgruppen in Worte zu fassen. Dass solche Gruppen bei der Ausübung von Terroranschlägen ihre perversen Ideologien in religiöse Gewänder verhüllen, stürzt mich, wie den überwältigenden Teil der übrigen 1,5 Milliarden Muslime der Welt auch, in tiefe Trauer. Es ist als muslimische Gemeinschaft unsere Aufgabe, die Menschheit vom Übel des Terrorismus zu befreien und ferner zu versuchen, unsere Religion von diesem dreckigen Teer zu säubern.

Man kann durch gewisse Begriffe und Symbole oberflächlich eine bestimmte Identität beanspruchen. Die Aufrichtigkeit aber kann nur daran gemessen werden, wie sehr jene Grundwerte der beanspruchten Identität in der Praxis gelebt werden. Der tatsächliche Glauben (Iman) zeigt sich weder in Slogans noch durch äußere Merkmale, sondern darin, wie sehr man bemüht ist, Menschenleben zu schützen und alle Menschen hochzuachten.

Als Muslime müssen wir die totalitäre Ideologie der Terroristen, die diese verbreiten, ohne Wenn und Aber ablehnen. Im Gegenzug müssen wir eine umarmende Gesinnung fördern, die Vielfalt als Reichtum ansieht. Noch vor unserer ethnischen, nationalen, auch religiösen Identität steht unsere Humanität und den tatsächlichen Schaden von solch barbarischen Aktionen trägt die moralische und spirituelle Persönlichkeit der Menschheit davon. Die französischen Bürger, die in Paris ihr Leben verloren haben, ebenso die schiitisch-muslimischen Libanesen, die einen Tag davor in Beirut starben, sowie die sunnitisch-muslimischen Bürger, die im Irak durch die selben Terroristen getötet wurden, sind in erster Linie Menschen. Solange man den Leidenden – ganz gleich welcher religiösen oder ethnischen Identität sie gehören – nicht mit Empathie begegnet und mit demselben Willen versucht, dieses Leid zu stillen, ist ein Fortschritt der Zivilisation nicht möglich.

Weg von Verschwörungstheorien, hin zu Selbstkritik

Als Muslime müssen wir uns von den Verschwörungstheorien lösen, die uns von unseren eigenen Problemen ablenken und uns selbst einer kritischen Selbstreflexion unterziehen: Sind etwa heimliche Sympathien zur Autokratie, zur körperlicher Gewalt, die Vernachlässigung der Jugend und das Fehlen einer ausgewogenen Bildungsarbeit muslimischer Verbände und Vereine schuld daran, dass unsere Gemeinden und ihre Mitglieder empfänglich geworden sind für das radikale Gedankengut extremistischer Gruppierungen?

Haben wir, weil wir die grundlegenden Menschenrechte, die Freiheit, die Rechtsstaatlichkeit und eine Gesinnung, die jeden umarmt, immer noch nicht wirksam umsetzen konnten, jene, die auf der Suche nach Antworten sind, in eine verzweifelte Lage gebracht und dafür gesorgt, dass sie sich von uns abwenden?

Die Tragödie von Paris erinnert uns erneut daran, dass diese abscheulichen Taten, welche religiös begründet werden, sowohl von unseren religiösen Gelehrten, als auch von normalen Muslimen ohne Wenn und Aber abgelehnt sowie verdammt werden müssen. Aber in der derzeitigen Lage reicht ein Ablehnen und ein Verdammen nicht mehr aus. In den muslimischen Gesellschaften muss gegen die Rekrutierung der Jugendlichen durch die Radikalen anhand eines Bündnisses, in dem sich staatliche Institutionen, religiöse Führer und zivilgesellschaftliche Institutionen zusammenschließen, in kluger Art und Weise vorangegangen werden. Es müssen Projekte entwickelt werden, die alle Faktoren der Rekrutierung von Terroristen berücksichtigen und die gesamte Gemeinschaft miteinbeziehen.

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Hier zur Übersetzung auf DTJ-OnlineHier zum Artikel auf Le Monde

Wir müssen präventive Maßnahmen treffen und die nötige Infrastruktur schaffen, damit wir die gefährdeten Jugendlichen in unseren Reihen frühzeitig herausfiltern und sie vor allem durch die Beratung mit ihren Familien daran hindern, sich in gefährliche Abenteuer zu begeben. Als Bürger müssen wir mit den Staaten, deren Staatsbürger wir sind, kooperieren und uns positiv engagieren, uns an Tische setzen, an denen Pläne zur Terrorismusbekämpfung geschmiedet werden und unsere Meinung einbringen. Hier sind natürlich auch die Staaten gefordert. Wir müssen unseren Jugendlichen beibringen, ihre Meinungen auf demokratischem Wege zu äußern. Die frühzeitige Lehre demokratischer Werte in Schulen ist für die Entwicklung eines gesunden Menschenverstandes der zukünftigen Generationen wichtig.

Mahnende Beispiele aus der Geschichte

In der Geschichte gab es nach vergleichbaren Tragödien extreme Reaktionen. Islamfeindlichkeit und anti-islamische Strömungen, staatliches Handeln, das Muslime nur als Sicherheitsfaktor bewertet kann eher Schaden als Nutzen hervorbringen. Die Muslime in Europa wünschen sich ein Leben in Frieden und Ruhe. Trotz der negativen Stimmung sollten sie sich mehr einbringen und zu einer Politik beitragen, welche die Integration ihrer Glaubensgemeinschaft verbessert.

Als Muslime müssen wir aus diesem Anlass unser Islamverständnis und unsere Praktiken im Lichte der gegenwärtigen Voraussetzungen und der zeitgemäßen Auslegung überdenken und dazu in der Lage sein, Selbstkritik zu üben. Dies bedeutet keinesfalls, sich von der islamischen Tradition abzuwenden. Im Gegenteil: Es bedeutet, dass man mögliche Abweichungen bemerkt und diese korrigiert, somit den Geist und die Essenz des Korans und die Sunnah (Tradition des Propheten) wiederzubeleben.

Wir müssen uns dagegen einsetzen, dass unsere religiösen Quellen aus dem Zusammenhang gerissen und für andere Zwecke instrumentalisiert werden. Die muslimischen Gelehrten, Ideengeber und Intellektuellen müssen den Menschen beibringen, dass man religiösen Quellen in ihrer Gesamtheit begegnen muss. Der Glaube an gewisse Grundsätze ist kein Dogmatismus. Die Meinungsfreiheit, welche den Muslimen einst eine Art Renaissance erleben ließ, wiederzubeleben, ist möglich und auch unentbehrlich – ohne dabei grundlegende religiöse Werte außer Acht lassen zu müssen. Den Radikalismus und Terrorismus, welche die Gewalt befeuern, kann man nur in einem solchen Klima bekämpfen.

Leider beobachte ich, dass nach den aktuellen Ereignissen in einigen Kreisen erneut die These vom Kampf der Kulturen Erwähnung findet. Ob die ersten, die diese These in den Raum warfen, eine fundierte Prognose abliefern wollten, oder einen bestimmten Plan hatten, kann ich nicht beurteilen. Aber eins ist klar: Nämlich dass solch eine Rhetorik lediglich den Terrororganisationen zugute kommt. Jedoch muss ich einwenden: Wir erleben keinen Kampf der Kulturen, sondern einen zwischen der gesamten Menschheit und der Barbarei.“

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,,Muslime müssen das Krebsgeschwür des Extremismus bekämpfen“

27.08.2015 | The Wall Street Journal | Extremismus | F. Gülen

 

,,Während die Terror-Miliz, die sich „Islamischer Staat“ nennt und als IS bekannt ist, ihre Blutbäder im mittleren Osten fortsetzt, so haben wir Muslime uns diesen totalitären Ideologien, die diese Blutbäder und andere terroristische Gruppen anspornen, entgegenzustellen. Jeder terroristische Akt, der im Namen des Islams durchgeführt wird, betrifft von Grund auf alle Muslime, denn dadurch werden wir unseren Mitbürgern entfremdet und die Fehleinschätzungen über unser Glaubensethos vertieft.

Es ist unfair, den Islam für die Gräueltaten der gewaltbereiten Radikalen zu tadeln. Doch da diese Terroristen, wenn auch nur nominell, den „muslimischen“ Deckmantel für sich in Anspruch nehmen, so müssen deshalb die Gläubigen dennoch, so gut wie möglich, dieses Krebsgeschwür an der Metastasierung in unserer Gesellschaft hindern. Wenn nicht, sind wir teilweise selbst ein Stück weit verantwortlich für die Beschmutzung des Images unseres Glaubens.

Zu allererst müssen wir die Gewalt verurteilen und dürfen nicht in die Opferrolle fallen. Unterdrückung erfahren zu haben ist keine Entschuldigung dafür, welche auszuüben oder es zu unterlassen, den Terrorismus zu verurteilen. Dass die Terroristen im Namen des Islams schwere Sünden begehen, ist nicht nur meine Meinung. Es ist schlicht die unvermeidliche Schlussfolgerung eines aufrichtigen Lesens der Primärquellen: des Korans und der Berichte aus dem Leben des Propheten Muhammad. Das Kernprinzip dieser Quellen – tradiert über die Jahrhunderte hinweg von muslimischen Gelehrten, die ihr Leben dem Studium des Korans sowie der Prophetenüberlieferung und -praktiken gewidmet haben – macht jegliche Ansprüche der Terroristen auf eine religiösen Begründung zunichte.

Darüber hinaus ist es wichtig, ein holistisches Verständnis des Islams zu fördern, da die Flexibilität, die es erlaubt, unterschiedliche Hintergründe seiner Anhänge miteinander in Einklang zu bringen, manchmal missbraucht werden können. Bei den Grundprinzipien des Islam gibt es aber keine Interpretationsspielräume. Ein solches Prinzip lautet: Das Töten eines einzigen Unschuldigen ist ein Verbrechen gegen die ganze Menschheit. (Koran 5:32) Selbst im Falle eines Verteidigungskrieges ist die Gewalt gegen Unbeteiligte, ganz besonders Frauen, Kinder und Greise, in den Lehren des Propheten Muhammad verboten.

Wir müssen diese Werte aufzeigen, in dem wir Menschen beistehen, die auf der ganzen Welt nach Frieden streben. Angesichts der Psychologie des Menschen und der Dynamik der Nachrichten ist es offensichtlich, dass die Stimme des Mainstreams wahrscheinlich weniger die Schlagzeilen erfassen wird als die der Extremisten. Doch statt die Medien zu tadeln, sollten wir innovative Wege finden und dafür sorgen, dass unsere Stimmen gehört werden.

Drittens müssen die Muslime öffentlich die Menschenrechte – Würde, Leben und Freiheit – unterstützen. Diese sind die grundlegendsten islamischen Werte; kein Individuum, Politiker oder religiöser Führer hat das Recht, (den Menschen) diese zu nehmen. Die Essenz unseres Glaubens ist es, die kulturelle, soziale, religiöse und politische Diversität zu respektieren! Im Koran bestimmt Gott das gegenseitige Lernen als das erste Ziel der Diversität (49/13). Denn der Respekt vor jedem Individuum als Geschöpf Gottes ist der Respekt vor Gott (17/70)

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Viertens: Muslime müssen allen Gesellschaftsschichten Bildungsmöglichkeiten anbieten, im Zuge derer das Studium der Naturwissenschaften, Geisteswissenschaften und Kunst in einer Kultur der Achtung gegenüber jedem Lebewesen vermittelt wird. Die Regierungen in den muslimischen Ländern sollten die Schullehrpläne so entwerfen, dass den Schülern demokratische Werte beigebracht werden. Die Zivilgesellschaft hat die Aufgabe, Respekt und Akzeptanz zu unterstützen. Und genau aus diesem Grund haben auch die Anhänger der Hizmet Bewegung über 1000 Schulen und mehr als 150 Bildungs- und Dialogeinrichtungen gegründet.

Fünftens: Die religiöse Erziehung der Muslime verengt den Handlungsraum der Extremisten, die ihre verdrehte Ideologie verbreiten. Wenn die religiöse Freiheit unterdrückt wird – wie es über Jahrzehnte hinweg in der muslimischen Welt der Fall war -, so ist es unumgänglich, dass im Schatten dieser Unterdrückung ein Glaube entsteht, der von unqualifizierten und radikalen Gestalten interpretiert wird.

Zuletzt ist es unerlässlich, dass Muslime die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann unterstützen. Den Frauen sollten Gelegenheiten gegeben werden und sie sollten von jeglichem sozialem Druck frei sein, damit ihre Qualitäten entdeckt werden. Hierzu haben die Muslime ein großes Beispiel am Leben der Ehefrau des Propheten Muhammad, einer sehr hoch gebildeten Gelehrten, Lehrerin und anerkannten und prominenten Leiterin ihrer Gesellschaft.

Terrorismus ist ein vielschichtiges Problem, und so sind die Adressaten, die Politik, die Wirtschaft, die Gesellschaftsschichten und die Religionen. Ansätze, die dieses Problem bekämpfen, nehmen eine heldenhafte Aufgabe für die Jugendlichen und gesamte Welt wahr. Es ist erwünscht, dass die internationale Gemeinschaft erkennt, dass die Muslime – sowohl buchstäblich als auch metaphorisch – die primären Opfer des Terrorismus sind und deshalb Statements und Aktionen, die zur Entfremdung der Muslime führen, unterlassen werden.  Da, die Muslime genau jene sind, die bei der Marginalisierung der Terroristen und bei der Prävention helfen können.

Gewalttätiger Extremismus hat keine Religion; es wird immer diese Leute geben, die religiöse Texte manipulieren. So wenig Christen die Koranverbrennung oder die Aktionen des KU KLUX Klans und Buddhisten die Gräueltaten gegen die Rohingya Muslime unterstützen, so wenig unterstützt der Mainstream der Muslime diese Gewalttaten.

Muslime haben historisch gesehen zum Aufblühen der menschlichen Zivilisation sehr viel beigetragen. Unsere größten Beiträge stammen aus Epochen, in denen der Glauben wechselseitig respektiert und die Freiheit und Gerechtigkeit gepflegt wurden.

Es kann immens schwierig sein, das befleckte Image des Islams wiederherzustellen: Muslime können dennoch Leuchttürme des Friedens und der Ruhe in ihrer Gesellschaft sein!“

Übersetzt von Samet Er