25.07.2016 | The New York Times | DemokratieFethullah Gülen

SAYLORSBURG, Pennsylvania (US) — Als diesen Monat in der Türkei der Versuch eines Militärputsches im Gange war, habe ich diesen aufs Schärfste verurteilt. Ich sagte: „Eine Regierungsübernahme sollte durch freie und faire Wahlen, nicht durch Gewalt erfolgen,‟ und äußerte weiter, dass ich zu Gott beten werde, für die Türkei, für die türkische Bevölkerung und für alle, die sich derzeit in der Türkei aufhalten, damit diese Situation schnell und friedlich gelöst werde.
Trotz meines unmissverständlichen Protests, der den Äußerungen aller drei großen Oppositionsparteien ähnelte, wurde ich von Recep Tayyip Erdogan sofort beschuldigt, der Drahtzieher hinter diesem Putsch zu sein. Der immer authoritärer agierende türkische Staatspräsident verlangte von den USA meine Auslieferung. Seit 1999 lebe ich in meinem Zuhause in Pennsylvania in freiwillig gewähltem Exil.
Die Äußerungen des Präsidenten Erdogan sind nicht nur konträr zu allem, was ich glaube, sie sind auch verantwortungslos und falsch.
Meine Philosophie folgt einem inklusiven und pluralistischen Islam, der sich dem Dienst an den Menschen egal welcher Glaubensrichtung verschrieben hat. Somit steht sie in klarem Gegensatz zu bewaffnetem Aufstand. Mehr als 40 Jahre lang treten die Anhänger der Bewegung, mit der ich verbunden werde — bekannt unter dem Namen Hizmet, dem türkischen Wort für “Dienst” — dafür ein, dass eine Regierungsform ihre Legitimität durch den Willen der Bevölkerung erhält und die Rechte aller Bürger ungeachtet ihrer religiösen Gesinnung, politischen Zugehörigkeit oder ihrer ethnischen Wurzeln schützt. Zahlreiche Unternehmer und Ehrenamtliche ließen sich von den Werten Hizmets inspirierenund haben sich für moderne Bildung und soziale Projekte in über 150 Ländern eingesetzt.

In einer Zeit, in der westliche Demokratien nach moderaten Stimmen aus dem Kreis der Muslime suchen, vertreten ich und meine Freunde in der Hizmet-Bewegung eine klare Position im Hinblick auf extremistische Gewalt, angefangen von den Anschlägen des 11. Septembers, über Al Qaeda, bis hin zu brutalen Hinrichtungen des IS oder den Geiselnahmen durch Boko Haram.
Zusätzlich zur Verurteilung sinnloser Gewalt, wie während des Putschversuches, haben wir immer unseren Einsatz betont, präventiv gegen die Rekrutierung von Terroristen unter muslimischen Jugendlichen zu wirken und dafür, eine friedfertige und pluralistische Geisteshaltung zu fördern.
Mein ganzes Leben lang, habe ich öffentlich und im Privaten Eingriffe des Militärs in die Innenpolitik angeprangert und mich über Jahrzehnte hinweg für Demokratie eingesetzt. In der Türkei habe ich selbst binnen 40 Jahren vier Mal einen Militärputsch miterleben müssen; von genau diesen Militärregimen wurde ich selbst schikaniert und zu Unrecht inhaftiert. Aus diesem Grund würde ich niemals wollen, dass meine Landsleute eine solche Qual erleiden müssen. Sollte irgendjemand, der ein Hizmet-Sympathisant zu sein scheint, in diesen Putschversuch verwickelt gewesen sein, begeht er Verrat an meinen Idealen.
Dennoch kommen die Anschuldigungen von Herrn Erdogan nicht überraschend; nicht bezogen darauf, was über mich gesagt wird, sondern darauf, dass sie zeigen, wie systematisch und gefährlich er auf dem Weg zur Alleinherrschaft nach vorne prescht.

So wie viele Bürger der Türkei befürworteten auch die Anhänger der Hizmet-Bewegung die anfänglichen Bemühungen Erdogans, die Türkei zu demokratisieren und die Aufnahmekriterien für die Europäische Union zu erfüllen. Allerdings haben wir nicht geschwiegen, als er sich von der Demokratie zum Despotismus wandte. Bereits vor der aktuellen Säuberungswelle agierte Präsident Erdogan in den letzten Jahren willkürlich, indem er Zeitungsredaktionen schloss, tausende von Richtern, Staatsanwälten, Polizisten und Beamten ihres Amtes enthob und äußerst drastische Maßnahmen gegen die kurdische Bevölkerung ergriff. Kritiker werden von ihm zu Staatsfeinden erklärt.

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Der Zorn des Präsidenten war dabei besonders auf die Hizmet-Bewegung gerichtet. 2013 beschuldigte Präsident Erdogan die Hizmet-Anhänger innerhalb der türkischen Verwaltung Korruptionsermittlungen aufgenommen zu haben, die sich gegen Mitglieder des Kabinetts und enge Verbündete richteten. Als Reaktion darauf wurden zahlreiche Richter, Staatsanwälte und Polizisten entlassen oder eingesperrt, allein weil sie ihrer Arbeit nachgegangen waren.
Seit Erdogan 2014 zum Staatspräsidenten gewählt wurde, nachdem er elf Jahre lang Premierminister war, verfolgt er das Ziel die Türkei von einer parlamentarischen Demokratie in ein „Präsidialregime‟ umzuwandeln, im Grunde ohne Kontrolle seiner Macht. In diesem Zusammenhang ist die Aussage Erdogans, der gescheiterte Putschversuch sei „ein Geschenk Gottes‟ besorgniserregend. Auf diesem Wege werden immer mehr Dissidenten von Regierungsbehörden verfolgt — knapp 70.000 wurden bereits entlassen — und, um noch härter gegen Hizmet und andere zivile Organisationen vorzugehen, räumt er viele, der verbliebenen Hindernisse für die Erlangung der absoluten Macht aus dem Weg. Amnesty International hat „glaubhafte‟ Berichte über Folter ans Licht gebracht, darunter Vergewaltigungen in Gefangenenlagern. Es verwundert also nicht, dass Erdogans Regierung die Europäische Menschenrechtskonvention außer Kraft gesetzt und den Notstand ausgerufen hat.
Der türkische Staatspräsident erpresst die Vereinigten Staaten, indem er droht, die Unterstützung des internationalen Bündnisses gegen den IS zu drosseln. Sein Ziel dabei ist, meine Auslieferung zu erreichen, trotz Mangel an glaubwürdiger Beweise und praktisch keiner Aussicht auf ein faires Verfahren. Die Versuchung Herrn Erdogan all das zu geben, was er will, ist nachvollziehbar, aber die Vereinigten Staaten müssen standhaft bleiben.
Gewaltätiger Extremismus wird genährt von der Frustration derer, die gezwungen sind unter Dikatoren zu leben, die nicht durch friedvollen Proteste und demokratische Politik anfechtbar sind. Die Gesellschaft in der Türkei ist durch die Verschiebung der Regierung Erdogans hin zu einer Diktatur von einer Spaltung gekennzeichnet, welche sich durch die Reihen der Sektierer, der Politik, der Religion und der ethnischen Gruppen zieht und den Fanatismus schürt.
Im Namen der weltweiten Bemühungen für die Herstellung des Friedens in turbulenten Zeiten, und um die Zukunft der Demokratie im Nahen Osten zu sichern, dürfen die Vereinigten Staaten nicht einem Autokraten nachgeben, der einen fehlgeschlagenen Putsch nutzt und ihn in seinen eigenen in Zeitlupe ausgeführten Staatsstreich gegen die konstitutionelle Regierung verkehrt.