10.10.2015 | Deutsch-Türkisches Journal | Ruandareise

Nathanael Riemer ist Professor für Jüdische Studien mit dem Schwerpunkt interreligiöse Begegnungen am Institut für Jüdische Studien und Religionswissenschaft der Universität Potsdam. Gemeinsam mit Kadir Sanci (Imam des Projekts House of One) reiste er durch Ruanda. Sein Bericht über die gemeinsame Ruandareise:

,,Bei Ruanda denken die meisten an die furchtbaren Ereignisse von 1994. Doch das Land hat seitdem eine beeindruckende Entwicklung erlebt und ist heute ein Hoffnungsträger auf dem afrikanischen Kontinent. Ein nachdenklicher Reisebericht.

Unser Bild von Afrika ist von Unterentwicklung, Hunger und Gewalt geprägt. Und Ruanda scheint für uns das Land zu sein, für das diese Vorstellungen in hoch konzentrierter Form gelten: Allein zwischen April und Juli 1994 wurden mehr als 800.000 Tutsi und moderate Hutu von bewaffneten Hutus ermordet – zumeist mit Macheten, Keulen und Sensen weggeschlachtet. Als sich im Anschluss an den Völkermord das Blatt wendete und die Ruandische Patriotische Front (RPF) das Land zurückeroberte, kam es auch zu Massakern an den vorherigen „Tätern“. Dies waren – ohne Vor- und Nachgeschichte – lediglich die traurigen Höhepunkte jahrzehntelanger Politik, in der sich zwei ethnisch-ökonomische Bevölkerungsteile, die sich eigentlich nicht sehr voneinander unterscheiden, gegenseitig ausgrenzten und verfolgten.”