Die neunte Ausgabe der Zeitschrift DuB widmet sich dem Schutz sakraler Räume in einer vielfältigen Gesellschaft.
Religiöse Stätten geraten zunehmend unter Druck, während zugleich ihr Wert für Würde, Identität und Gemeinschaft steigt. Das europäische Forschungsprojekt PROTONE zeigt, dass Sicherheit nicht allein durch bauliche Maßnahmen entsteht, sondern durch Vertrauen, Dialog und eine gemeinsame Sicherheitskultur.
Interreligiöse Zusammenarbeit, gesellschaftliche Anerkennung und die aktive Einbindung zivilgesellschaftlicher Akteure sind daher zentrale Elemente, um religiöse Räume langfristig zu schützen. Der Schutz des Sakralen wird so zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe, die religiöse Freiheit stärkt und ein friedliches Miteinander fördert.
Die Online-Ausgabe der Zeitschrift ist ab sofort hier lesbar. Die Druckausgabe ist ab sofort in unserer Stiftung und in lokalen Dialogvereinen verfügbar.
Themen der aktuellen Ausgabe:
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Respekt vor dem Sakralen
Fethullah Gülen
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Looking Back on the Protone Project
Massimo Ronco
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Protecting Europe’s Sacred Spaces: Findings from the PROTONE Project
Prof. Dr. Tahir Abbas
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Inter-Faith Dialogue in Support and Protection of Places of Worship?
Prof. em. Dr. Dr. Paul Weller
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The Qur’anic and Prophetic Vision for Protecting Sacred Spaces
Dr. Arhan Kardaş
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Zwischen Sicherheit und Anerkennung: Muslimische Glaubensstätten in Deutschland
Hilal Akdeniz
Klappentext
Religiöse Orte sind mehr als Bauwerke – sie sind Ausdruck von Würde, Identität und Gemeinschaft. Doch sie geraten zunehmend ins Visier von Hass, Ausgrenzung und Gewalt. Diese Ausgabe widmet sich dem Schutz des Sakralen und zeigt, wie interreligiöser Dialog, gesellschaftliches Engagement und verantwortungsvolle Politik zu einer gemeinsamen Sicherheitskultur beitragen können. Das europäische Forschungsprojekt PROTONE verdeutlicht: Sicherheit entsteht nicht allein durch Technik, sondern durch Vertrauen, Teilhabe und gegenseitigen Respekt. Die Beiträge beleuchten Herausforderungen und Chancen aus theologischer, empirischer und praktischer Sicht und machen deutlich: Der Schutz religiöser Räume ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und Voraussetzung für ein friedliches Miteinander. Diese Ausgabe lädt ein, Brücken zu bauen und gemeinsam für eine Gesellschaft einzutreten, in der Glaube frei und ohne Angst gelebt werden kann.
Vorwort
Respekt und Schutz des Sakralen
von Prof. Dr. Christoph Bultmann
Universität Erfurt
Wer einen Gottesdienst besucht, möchte seinen Glauben in Gemeinschaft feiern. Zum Gottesdienst gehört das würdige Ritual an einem besonderen Ort. Der Ort hat für alle, die dorthin kommen, seine Bedeutung. Ob Männer oder Frauen: Wer kommt, findet einen Platz in der Gemeinschaft der Glaubenden, und in der Regel ist die Gemeinschaft auch für Menschen offen, die sich über Religionsgrenzen hinweg zu einem nachbarschaftlichen Besuch einladen lassen. Im Gottesdienst werden Texte vorgelesen oder rezitiert, es werden Gebete gesprochen, es werden – wenn es in einer Tradition üblich ist – Lieder gesungen. Viele weitere Aspekte können einen Gottesdienst charakterisieren, doch in jeder Hinsicht ist klar, dass der Besuch eines Gottesdienstes eine freiwillige, erfüllende, erhebende Erfahrung darstellt.
Die Religionswissenschaftlerin Rachel S. Mikva schreibt in ihrem Buch über Interreligiöse Studien:
Rituale funktionieren auf komplexen symbolischen Ebenen, indem sie Geschichte, Erfahrung, Gefühle und Entscheidungen lebendig werden lassen – und indem sie dabei an tiefe Aspekte unseres Seins rühren. Sie sind im Allgemeinen durch ihre jeweiligen Besonderheiten geprägt, aber sie schließen ein transzendentes Element ein, das Grenzen auflösen und unsere Herzen miteinander verbinden kann. Rituale sind Mittel dazu, Bedeutung und Schönheit zu verdichten, Verletzlichkeit aufzufangen, Kränkungen zu heilen, Gemeinschaft zu stiften, und Freude zu entdecken.[1]
Unter einem solchen Vorzeichen des Respekts für Ausdrucksformen des Glaubens, die glaubenden Menschen wichtig sind, müssen auch die Orte für den Gottesdienst betrachtet werden. Dabei kann es sich um Gebäude handeln, die eine Geschichte von Jahrhunderten in ihren Mauern und mit ihren Ausstattungsstücken umgreifen, oder um Gebäude, die relativ neu und schmucklos sind, aber in einer gut erreichbaren Lage den Platz bieten, den die Glaubenden für sich brauchen. Die Gebäude können einen engen Umraum in einer Straße haben oder an einem weiten Platz gelegen sein, sie können für Begegnungen und Gespräche vor und nach dem Gottesdienst mit einem Hof oder einem Garten verbunden sein. Im Hinblick auf das Projekt, das im vorliegenden Heft der Folge »Materialien zu Dialog und Bildung« vorgestellt wird, darf schon an dieser Stelle empfohlen werden, in einer kleineren oder größeren Stadt oder in einem Stadtteil auf einem Rundgang einmal zu erkunden, was für eine Vielfalt von Gebäuden für den Gottesdienst es gibt. Orte für den Gottesdienst von jüdischen oder christlichen oder muslimischen oder zahlreichen anderen Gemeinden, stets in demselben Horizont eines »transzendenten Elements«, das nicht unmittelbar greifbar ist, aber im Ritual erfahren werden kann.
Und nun stellt sich die Frage der Sicherheit solcher Gebäude. Wie kann gewährleistet werden, dass die Gebäude vor hässlichen Markierungen oder feindseligen Beschädigungen geschützt sind? Wie kann gewährleistet werden, dass alle, die zu einem Gottesdienst kommen, in dem Gefühl einer entspannten Vorfreude ankommen? Wie kann gewährleistet werden, dass Menschen, die in ihre Synagoge oder ihre Kirche oder ihre Moschee oder ihre Gottesdiensträume anderer religiöser Traditionen gehen, ohne Angst vor der Entdeckung von Schmähungen oder dem Erlebnis von Bedrohungen zum Gottesdienst an dem von ihnen hoch geschätzten Ort gehen können?
Die Projektgruppe, von deren Forschungen und Diskussionen im vorliegenden Heft berichtet wird, hat zwei Jahre lang die Situation in verschiedenen europäischen Ländern zu erfassen versucht. Der Ausgangsimpuls für das Projekt war eine Programmausschreibung für den Fonds für Innere Sicherheit der Europäischen Kommission (The European Commission’s Internal Security Fund), bei der ein Themenschwerpunkt dem Schutz von religiösen Gebäuden (Protection of Places of Worship) gewidmet sein sollte. Aus der Gruppe der Dialogvereinigungen von Hizmet (Gülen-Bewegung) in Europa wurde ein Projektantrag unter der Leitung des Vereins in Belgien (Plateforme de Dialogue Interculturel) in das Programm aufgenommen. Im Namen »Protone« versteckt sich der Projekttitel »Protect the Places of Worship – Harmonizing Diversity«: Der Ausgangspunkt ist die Vielfalt der Religionsgemeinschaften, die ›eins‹ (one) sind in ihrem gemeinsamen Anliegen, Orte des Gottesdienstes als Gebäude im öffentlichen Raum verstehbar zu machen, damit sie von allen Menschen – ob religiös oder religionslos orientiert – respektiert werden.
Beim Thema Sicherheit gibt es die Ebene des Expertenwissens, das sich auf die technischen Möglichkeiten bezieht. Doch das gesellschaftliche Anliegen, dass Menschen, die einen Ort des Gottesdienstes besuchen möchten, in jeder Hinsicht mit einem Gefühl von Sicherheit und Anerkennung auf ihren Wegen unterwegs sein sollen, kann nur durch ein breites Engagement für Religionsfreiheit, Pluralität und Menschlichkeit getragen werden. Durch die Beiträge des vorliegenden Heftes soll nachvollziehbar werden, wie empirische Beobachtungen zu einer oftmals unbefriedigenden Situation mit der Ausrichtung auf zivilgesellschaftliche Verantwortung verknüpft werden. Nur dann, wenn alle einen Konsens darüber teilen, dass religiöse Gebäude (Places of Worship) einen unbedingten Schutz verdienen, kann die volle Sicherheit gewährleistet werden.
Als Mitglied des Beirats für das »Protone«-Projekt möchte ich eine Beobachtung aus Reflexionen über den Sprachgebrauch im Horizont von interreligiösen Beziehungen hervorheben: Wenn über Religionsgrenzen hinweg von Gebäuden für den Gottesdienst die Rede ist, geht es dann um »die Synagoge« oder »unsere Synagoge«, um »die Kirche« oder »unsere Kirche«, um »die Moschee« oder »unsere Moschee« – und entsprechend für weitere religiöse Gebäude? Wie lässt sich im interreligiösen Gespräch und allgemein im Gespräch über soziale Beziehungen unter Mitgliedern einer Gesellschaft, die auf dem Grundsatz der Gewissensfreiheit beruht, ein Gefühl von Respekt vermitteln, mit dem die Zugehörigkeit des jeweils Anderen gleichzeitig als die Zugehörigkeit von etwas Eigenem erfahren und verteidigt werden kann? Viele Menschen müssen dazu ermutigt werden, »andere« Orte für den Gottesdienst kennenzulernen, solche Orte an einem Tag der offenen Tür zu besuchen, und als »eigene« Orte im Stadtteil, in der Stadt zu verstehen und zu schätzen. Die Spannung zwischen dem Eigenen und dem Anderen kann in eine fruchtbare Spannung der Toleranz und der Verteidigung von Religionsfreiheit transformiert werden. Wo sich darüber hinaus ein gegenseitiges Interesse an der Motivationskraft von Religion entwickelt, können religionsübergreifend verschiedenste Formen von Kooperation bei sozialen und ökologischen und freiheitsfördernden und friedensstiftenden Aktionen entstehen. Die Perspektive des Schutzes von religiösen Gebäuden und der Sicherheit aller Glaubenden, die mit Vorfreude zum Gottesdienst gehen, kann zu einem Impuls für gute, für verbesserte Nachbarschaft werden.
Zum Auftakt des vorliegenden Heftes steht eine Lehrrede von Fethullah Gülen zur Frage der Reaktion auf Respektlosigkeit gegenüber Glaubensüberzeugungen und insofern auch gegenüber Orten des Gottesdienstes. Die Lehrrede, die zuerst 2013 publiziert wurde und hier in einer revidierten Übersetzung abgedruckt wird, stellt eine Mahnung in zwei Richtungen dar. Sie richtet sich sowohl an diejenigen, die von Respektlosigkeit geleitete Aktionen begehen, als auch an diejenigen, die auf solche Zwischenfälle oder sogar Gefährdungen reagieren müssen. Im besten Fall lässt sich zur Frage der Religionsfreiheit, der Sicherheit von Glaubenden und des Schutzes von Orten des Gottesdienstes ein umfassender Konsens erreichen.
Es ist zu hoffen, dass das vorliegende Heft die Ergebnisse der Arbeit der Projektgruppe von Hizmet mit Mitgliedern aus Italien (Associazione Culturale Istituto Tevere), Spanien (Asociation Arco Forum), Deutschland (Stiftung Dialog und Bildung) und – federführend – Belgien (Plateforme de Dialogue Interculturel) sowie kooptierten Mitgliedern in einer anregenden Form vermittelt. Nicht zuletzt dank der Unterstützung durch die Initiativen »Religions for Peace Italia« (Rom) und »House of One« (Berlin) rechtfertigen die Diskussionen im Rahmen des Studienprojekts einen optimistischen Ausblick in die Zukunft.
[1] Rachel Mikva, Interreligious Studies. An Introduction, Cambridge 2023, S. 256; eigene Übersetzung.
Literatur
Rachel Mikva, Interreligious Studies. An Introduction, Cambridge 2023.